Urban Farming – Zukunftsmodell?!

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Definition Urban Farming

Urban farmning, urban agricultur oder urbane Landwirtschaft definiert sich wie folgt: Die Primärproduktion von Nahrungsmitteln in städtischer oder stadtnaher Umgebung. Das Ganze ist keine neue Erfindung. Höchstwahrscheinlich führte die Landwirtschaft überhaupt erst dazu, dass sich Städte bilden konnten. 

Urban Farming - keine neue Erfindung

Die Menschen bauten jahrhundertelang ihre Lebensmittel dort an wo sie ihren Lebensmittelpunkt hatten. Zumindest wenn es um recht kleine Städte ging.

Rom, die Megacity der Antike, machte sich schon vor etwa 2000 Jahren ähnlich abhängig von einer globalen Nahrungsmittelversorgung wie die Städter von heute. 

Rom war eine reiche Stadt und genau das war das Problem: mit Weizen, dem Grundnahrungsmittel, ließ sich schon damals nicht viel Geld verdienen. Man baute im Umland lieber Wein, Gemüse und Obst an oder züchtete Vieh. Das Getreide musste von weit hergebracht werden, zum Beispiel per Schiff aus Ägypten, meistens klappte das gut. Es gab aber auch Zeiten in denen Nahrungsmittel knapp wurden. Eine Stadt wie Rom in der Zeit um 24 n. Chr. verbrauchte schätzungsweise mindestens 10 Millionen Tonnen Weizen pro Jahr.

Das Land versorgt die Stadt

Es gibt mehrere Gründe warum eine Megacity wie Rom von global gehandelten (Grund)nahrungsmitteln abhängig war und ist. Im Prinzip hat sich seit 2000 Jahren nicht grundlegend etwas geändert. Wir sind nur mehr Menschen geworden, in noch größeren Städten. Wir sind allzeit vernetzt und sind sehr viel mobiler geworden. Trotzdem können wir das Wetter immer noch nicht zu unseren Gunsten beeinflussen, sind abhängig von der Qualität unserer Böden und haben nur bedingt Einfluss auf die politische Lage in weit entfernten Ländern. 

In direkter Umgebung zu Großstädten gibt es in der Regel überhaupt nicht genug fruchtbares Land um alle dort lebenden Menschen zu versorgen. Zudem macht es durchaus Sinn schnell verderbliche Lebensmittel wie Obst, Gemüse und in alter Zeit auch Fleisch in möglichst naher Umgebung zu produzieren. Das Grundnahrungsmittel Getreide kann gut gelagert und transportiert werden, ohne einen Qualitätsverlust zu erleiden.

Komplette Selbstversorgung der Stadt ist utopisch

Das Beispiel Rom zeigt uns eindrücklich: wir müssen uns vom Gedanken komplett autarker Städte verabschieden. Es ist absolut undenkbar, dass sich Megacities mit über 10 Millionen Einwohnern wie New York, Singapur, Istanbul, Paris oder London einmal komplett selbst versorgen könnten.

Eine Beispielrechnung

Um einen Menschen mit einer annähernd ausgewogenen Mischkost mit rund 2300 Kalorien pro Tag zu ernähren, muss man mit rund 600m² Fläche rechnen. In dieser Rechnung ist die Kalorienaufnahme einer typisch westlichen Diät um ⅓ reduziert und die Aufnahme tierischer Produkte um die Hälfte.
(Quelle: landesversorgung.lu)

Um eine Megacity mit 10 Millionen Einwohner versorgen zu können, bräuchte man 600.000 Hektar (6.000 Quadratkilometer) fruchtbares Ackerland! In dieser Fläche ist die benötigte Infrastruktur noch nicht eingerechnet. 

Beispiel: London hat 10,3 Mio. Einwohner auf einer Fläche von 1.572 km².  London verbraucht mehr als das sechsfache seiner Größe an fruchtbarem Ackerland, um seine stetige Bevölkerung zu versorgen, Fremdenverkehr nicht einbezogen.

Insgesamt stehen in Großbritannien knapp 50.000 km² fruchtbares Ackerland zur Verfügung.  Die Gesamtbevölkerung liegt bei knapp 56 Mio. Insgesamt benötigt Großbritannien eine Fläche von 33.600 km² fruchtbares Ackerland. 

Wir sehen: Großbritannien kann sich auf Landesebene bei angepasster Ernährungsweise durchaus komfortabel selbstversorgen. Die Stadt ist aber abhängig vom Land, wenn es um den Gesamtbedarf der benötigten Kalorien geht.

Warum dann überhaupt Urban Farming?

Auch wenn keine komplette Selbstversorgung der Städte möglich ist, können wir uns bemühen einen Großteil der frischen Lebensmittel vor Ort zu produzieren. 

Da das Vorhaben der komplett autarken Stadt ohnehin zum Scheitern verurteilt ist, sollten wir rational an die Überlegung der urbanen Landwirtschaft rangehen. Letztendlich ist die bittere Wahrheit, dass nur beständig ist, was langfristig wirtschaftlich ist.

Nachteile Urban Farming

Jeglicher Missbrauch von Konzepten ist mit Nachteilen verbunden. Deswegen sollten wir nicht um jeden Preis Lebensmittel im urbanen Raum produzieren. 

Ein negatives Beispiel sind die Schweinehochhäuser in China. Hier werden bis zu 13 stöckige Stallungen aufgebaut in denen zigtausende von Schweinen aufgezogen werden. Der Bau solcher mehrstöckigen Gebäude ist nicht nur sehr teuer und ressourcenintensiv, es kommt auch zu starker Umweltbelastung.

In den vergangenen Jahren wurden viele urbane Schweineställe aufgrund zu starker Umweltbelastung dicht gemacht oder auf ländliche Gebiete verlegt. Die neuen Schweinehochhäuser sind eine Gegenentwicklung zu dieser Politik.

Für so viele Schweine müssen viele tausend Tonnen Futter herangeschafft werden, zig tausende Liter Trinkwasser werden gebraucht und es fällt sehr viel Gülle an. Wie die Betreiber die Gülleproblematik angehen ist nicht im Detail bekannt. Was man weiß ist, dass die Gülle separiert wird: der flüssige Teil wird in den Wäldern versprüht, der feste Teil in der Landwirtschaft als Dünger verwendet. Das versprühen von Gülle in Wäldern ist in Deutschland nicht ohne Grund verboten. Ein überdüngter Wald kann seine Funktion zum Wasserschutz nicht mehr erfüllen und Nitrat sickert in das Grundwasser. Das Gleiche passiert, wenn Ackerland überdüngt wird - der Stickstoffüberschuss sickert ins Grundwasser.

Vorteile Urban Farming

Urbane Landwirtschaft ist nicht gut, weil sie urban ist. Sie bringt erst richtig viel, wenn sie gut und von Nachhaltigkeitsgedanken getrieben umgesetzt wird. Dazu gehören die folgenden Leitbilder:

Lebensmittel mit kurzer Haltbarkeit lokal und regional produzieren

  • Ganz klar: Obst, Gemüse und Kräuter. Insbesondere Blattgemüse und Beerenobst sind rasch verderblich und nehmen mit zunehmender Lagerungsdauer schnell an Qualität ab. Sie sind wichtig für eine ausgewogenen Ernährung, enthalten aber sehr wenig Kalorien. 
  • Durch die herausragende frische haben Waren aus lokaler Nähe einen klaren Wettbewerbsvorteil gegenüber Importware.
  • Bei Blattgemüse sind bei intensiver Bewirtschaftung zum Beispiel mehrere Ernten im Jahr möglich.

Urbane Landwirtschaft macht Städte lebenswert

  • Intensiv-biologische Landwirtschaft, die kleinräumig und vielfältig wirtschaftet. 
  • Felder zum Selberernten bieten einen Bezug zur Landwirtschaft für die entfremdete Stadtbevölkerung.
  • Obst- und Nussbäume, Sträucher und Kräuter, sogar Gemüse wie Rhabarber kann selbst auf kleinen städtischen Flächen angepflanzt werden. Als Alternative zu Zierpflanzen.
  • Beim Anbau mehrerer Kulturen auf kleiner Fläche werden Lebensräume für Insekten und andere Lebewesen erschaffen und tragen so zum Artenschutz bei.
  • Biologische Landwirtschaft verhindert das Pestizide die ohnehin schon durch Verkehr belastete Stadtluft weiter verschlechtert.
  • Kleingärten bieten Erholungs-und Lernraum für die Stadtbevölkerung.

Die lokale Wirtschaft wird gestärkt

  • Statt Anbau von typischen Marktfrüchten wie Getreide und Ölpflanzen oder Zuckerrüben wird durch hohen Personaleinsatz biologisch erzeugtes Gemüse für die lokale Umgebung erzeugt.
  • Entstehung von Arbeitsplätzen für qualifizierte und unqualifizierte Kräfte mit sinnstiftender Tätigkeit.
  • Durch Direktvermarktung bleibt die Wertschöpfungskette in der Hand des Produzenten.

Fazit

Der Anbau von Obst und Gemüse bringt nicht nur frischere und damit nährstoffreiche Kost auf den Teller, es fördert auch den Bezug zu unverarbeiteten Nahrungsmitteln. Wer weiß wo die Lebensmittel herkommen, wird diese mit viel mehr Wertschätzung geniessen können.

Selbst wenn die Bemühungen noch so groß sind: Der Großteil der Kalorien wird weiterhin in Städte importiert werden müssen. Trotzdem können auch die Städter wieder mehr Freude an gesunder Ernährung finden, wenn der Gartenbau in der Stadt verstärkt wird. Dazu braucht es eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung, die sicherlich - im wahrsten Sinne des Wortes - Früchte tragen wird.

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